|
Sabine Pfeiffer: “Dem Spürsinn auf der Spur”Subjektivierendes Arbeitshandeln an Internetarbeitsplätzen am Beispiel Informationbroking Rezension von Heinz Marloth, Frankfurt am Main; nfd Jg. 50 (1999) 373-374 “Die vorliegende Arbeit wurde im Mai 1998 beim Institut für Soziologie der FernUniversität Hagen eingereicht. Sie behandelt in elf Kapiteln spezielle Fragen und Probleme der Informationsvermittlung, auf neu-deutsch Information-Broking genannt. Die Verfasserin geht zunächst davon aus, daß zur Zeit viele Diskussionen von zwei Themenkreisen beherrscht werden: 1. vom Übergang ins Informationszeitalter mit seinen weitreichenden technischen Implikationen, 2. von den Auswirkungen dieses Übergangs im beruflichen, sozialen und kulturellen Bereich. Die Phase des Übergangs ist von zwei Tendenzen beherrscht: einerseits einer grenzenlosen Euphorie ("der Computer und das Internet werden alles richten") und andererseits von Untergangsstimmungen ("durch die Computer wird die Menschheit versklavt"). Hinzu kommt eine Verkennung des Internet ("überwiegend Schmuddelkram", "nur für junge Leute interessant", "chaotisch", "zusätzliche Belastung"). Bei der Durchsicht der Umfangreichen Literatur fällt auf, daß die Erscheinungsformen des Internet überwiegend quantitativ betrachtet werden. Insbesonders seit seiner inzwischen weit fortgeschrittenen Kommerzialisierung überschlagen sich die Erfolgsmeldungen über Entwicklung und Absatz von Hardware und Software. Gleichzeitig verschiebt sich das Interesse von philosophisch-hermeneutischen Reflexionen über Sinn und Wesen von Informationen aus erfahrungswissenschaftliche und planungsrelevante Forschungsergebnisse zur Effektivierung der Informationsarbeit. Obwohl es Literaturrecherchen bereits lange vor Einführung des Internet gegeben hat, ist die Arbeit der Informationsvermittler lange Zeit eine terra incognita geblieben. Das beginnt sich in letzter Zeit zu ändern, und inzwischen unterschiedet man bereits zwischen dem Internet a) als Forschungsinstrument und b) als Gegenstand der Forschung. Wenn das Internet als Forschungsinstrument zunehmend an Bedeutung gewinnt, dann ist es nicht nur legitim, sondern sogar unerläßlich, neben dem objektivierenden Arbeitshandeln, das wir tagtäglich vor Augen haben und dessen Entwicklung durch die Industriegesellschaft wir unseren Wohlstand verdanken, auch das subjektiverende Arbeitshandeln anzuerkennen, zu betrachten, zu analysieren und bei der Weiterentwicklung der Gesellschaft zu berücksichtigen. Wir folgen dabei der Erkenntnis, daß komplexe technische Systeme nicht nur durch Automatisierbarkeit und Objektivierbarkeit geprägt sind, sondern auch durch Komplexität und Nicht-Berechenbarkeit. Wird dies anerkannt, so geraten die Elemente von subjektivierendem Arbeitshandeln automatisch ins Blickfeld: sinnliche Wahrnehmung; Wissen-Denken-Gefühl; Vorgehensweise und Beziehung. In elf Kapiteln legt die Verfasserin mit erstaunlicher Klarheit die theoretischen Fundamente ihrer Betrachtung anhand der zeitgenössischen Literatur vor, betrachtet Telearbeit und das Internet als großtechnisches System, entwickelt ihr methodisches Vorgehen und stellt die Ergebnisse ihrer Online-Befragung vor. Die Spezifika ihrer Fragestellung und der am Schluß der Arbeit vorgestellte Online-Fragebogen selbst zeugen für ihr Verständnis der Arbeiten von Informationsvermittlern ebenso wie von ihrem Gespür dafür, wie man richtige Fragen stellt, ohne das Ergebnis der Frage(n) zu präjudizieren. Ein mögliches Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Arbeit wäre sicherlich nicht die "effektivere" und in DM meßbare Informationsvermittlung, sondern ihr Einsatz entlang der Grenzen, die wir zunächst erst einmal (er)kennen müssen, bevor wir sie als solche entweder respektieren oder aber überschreiten können. Das Buch ist nicht nur für InformationsvermittlerInnen, sondern auch für InformationswissenschaftlerInnen, BID-Ausbildungs- und Fortbildungseinrichtungen sowie für InformationspolitikerInnen in allen Ebenen dieses Metiers eine wichtige Lektüre. Die Literaturliste zu den behandelten Problemen ist beachtlich und weitgehend frei von Abhandlungen, die Abschriften der Ansichten von Autoren sind, die ihrerseits von Abschreibern abgeschrieben haben. Das erleichtert, sich in die Behandlung der Tätigkeit von persönlich bekannten KollegInnen durch eine andere Wissenschaftsdiszplin einzuarbeiten. Wer oft mit Printmedien arbeitet, schätzt die von der Autorin gewählte Bezeichnung der Anmerkungen und Literaturstellen durch hochgestellte Zeichen, z.B. 2 und 3, nicht sehr, sondern bevorzugt eher die (weil besser lesbare) amerikanische Weise: [2] und [3]“ Heinz Marloth |